Zwischen Emoji und Mundart: Was die digitale Kommunikation mit unseren Dialekten macht
Ein Wort, das eine Generation selbstverständlich verwendete, kann innerhalb weniger Jahre aus dem aktiven Sprachgebrauch verschwinden – fast unbemerkt, fast lautlos. Für Dialektforscher ist dieses Phänomen nicht neu, doch die Geschwindigkeit, mit der es sich in der digitalen Ära vollzieht, gibt Anlass zu vertieften Überlegungen. Die Schweizer Mundartlandschaft, eine der vielfältigsten Europas, befindet sich im Wandel – und die Ursachen liegen nicht mehr allein in der Schulbildung oder im Fernsehkonsum, sondern zunehmend in den kleinen Bildschirmen, die wir täglich in der Hand halten.
Der stille Rückzug althergebrachter Ausdrücke
Wer heute in einer Zürcher WhatsApp-Gruppe mitliest, wird kaum auf das Wort «Füürchäfer» stossen – den alten Mundartbegriff für das Glühwürmchen. Ebenso selten begegnet man Ausdrücken wie «Bünzli» im ursprünglichen Sinn eines spiessbürgerlichen Menschen oder dem berndeutschen «Giele» für einen jungen Burschen. Diese Begriffe sind nicht verschwunden, aber sie sind auf dem Rückzug – verdrängt durch Formulierungen, die sich leichter tippen lassen, überregional verständlich sind und mit den Sprachgewohnheiten der digitalen Plattformen kompatibel wirken.
Prof. Dr. Elvira Schönenberger, Dialektologin an der Universität Zürich, beschreibt diesen Prozess als «funktionale Erosion»: «Viele traditionelle Mundartbegriffe sind an konkrete Situationen, Tätigkeiten oder Gegenstände geknüpft, die im digitalen Alltag schlicht nicht mehr vorkommen. Wenn niemand mehr Heu einbringt, verschwindet auch das Vokabular rund ums Heuen.» Doch der Wandel betreffe nicht nur bäuerliche Begriffe – auch emotionale und soziale Ausdrücke gingen verloren, weil sie in der asynchronen, textbasierten Kommunikation schwerer zu platzieren seien.
Schreiben, wie man spricht – oder doch nicht?
Eine der auffälligsten Entwicklungen der letzten zwei Jahrzehnte ist die Schriftlichkeit des Dialekts. Mundart wurde über Jahrhunderte primär gesprochen; ihre Verschriftlichung blieb Ausnahmen vorbehalten – Mundartliteratur, Liedtexten, gelegentlichen Dialektbriefen. Mit dem Aufkommen von SMS und später von Messenger-Diensten wie WhatsApp oder Signal hat sich das grundlegend verändert: Millionen von Schweizerinnen und Schweizern schreiben täglich in ihrer Mundart.
Doch diese neue Schriftlichkeit bringt eine eigene Dynamik mit sich. Die Tippgeschwindigkeit, die Autocorrect-Funktion und das Streben nach schneller Verständlichkeit führen dazu, dass sich eine Art «Schreibdialekt» herausbildet, der vom gesprochenen Dialekt abweicht. Lautliche Feinheiten, die im Gespräch selbstverständlich sind – etwa die unterschiedlichen Vokallängen im Berndeutschen oder die charakteristischen Konsonantenverschiebungen im Walliserdeutschen – verschwinden in der Tippsprache oder werden vereinheitlicht.
Dr. Markus Frei vom Institut für Schweizer Dialektologie in Bern weist auf einen weiteren Effekt hin: «Wenn jemand seinen Dialekt täglich schreibt, aber nie eine konsistente Orthographie dafür gelernt hat, orientiert er sich unbewusst an der Standardsprache. Das führt langfristig zu einer schleichenden Annäherung an das Hochdeutsche – nicht im Gespräch, aber in der schriftlichen Repräsentation des Dialekts.»
Digitale Lehnwörter: Die neue Mundart des 21. Jahrhunderts
Nicht alles an der digitalen Entwicklung bedeutet Verlust. Die Schweizer Mundarten haben schon immer Wörter aus anderen Sprachen aufgenommen und sich angeeignet – aus dem Französischen, dem Italienischen, dem Englischen. Heute geschieht dasselbe mit dem digitalen Vokabular, und zwar mit bemerkenswerter Kreativität.
Ausdrücke wie «ig ha's gschäred» (ich habe es geteilt/gepostet), «chligg» (Klick) oder «de Storry poschte» sind in der Alltagssprache junger Schweizerinnen und Schweizer längst angekommen. Besonders interessant ist dabei die phonologische Anpassung: Englische Begriffe werden konsequent nach den lautlichen Regeln des jeweiligen Dialekts gebeugt und konjugiert. «Googlen» wird im Zürichdeutschen zu «googled», im Berndeutschen zu «googlid» – eine lebendige Anpassungsleistung, die zeigt, dass die Mundarten keineswegs passiv auf digitale Einflüsse reagieren.
«Das ist klassische Entlehnung», erklärt Prof. Schönenberger, «und sie belegt, dass unsere Dialekte vitale, lebendige Systeme sind. Die Frage ist nicht, ob sie sich verändern – das tun Sprachen immer –, sondern ob wir die Veränderungen dokumentieren und verstehen.»
Die Rolle der Plattformen: TikTok, Instagram und der Dialekt
Social-Media-Plattformen haben eine eigene Sprach- und Ausdruckskultur entwickelt, die zunehmend auch in Mundartbeiträgen sichtbar wird. Auf TikTok und Instagram posten Schweizer Creators Inhalte auf Mundart – eine Entwicklung, die einerseits zur Sichtbarkeit und Wertschätzung der Dialekte beiträgt, andererseits aber auch Uniformierungstendenzen mit sich bringt.
Der Algorithmus belohnt Inhalte, die möglichst viele Menschen ansprechen. Dadurch entsteht ein Anreiz, einen «mittleren» Dialekt zu sprechen – eines, das weder zu stark regional gefärbt noch zu nah am Hochdeutschen ist. Lokale Besonderheiten, die das Herzstück der dialektalen Vielfalt bilden, werden dabei tendenziell geglättet. Das Rätoromanische, das Walliserdeutsche oder das Appenzeller Dialektkontinuum sind in der Welt der Reels und Stories deutlich unterrepräsentiert.
Die Dialektsammlung hat in den vergangenen Jahren begonnen, gezielt Mundartaufnahmen aus marginalisierten Regionen zu archivieren, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Die systematische Dokumentation von Sprachzuständen zu bestimmten Zeitpunkten gewinnt dabei an Bedeutung – denn was heute noch gesprochen wird, muss nicht zwingend in zehn Jahren noch lebendig sein.
Archivieren, bevor es zu spät ist
Für Spracharchive wie die Dialektsammlung stellt die digitale Ära sowohl eine Herausforderung als auch eine Chance dar. Einerseits beschleunigt die digitale Kommunikation den Wandel und macht die Dokumentationsarbeit dringlicher; andererseits eröffnen digitale Werkzeuge völlig neue Möglichkeiten der Erfassung, Analyse und Vermittlung.
KI-gestützte Transkriptionsprogramme können heute Mundartaufnahmen in Echtzeit verschriften, Sprachanalyse-Software identifiziert lexikalische Verschiebungen über Zeiträume hinweg, und digitale Kartentools machen die geografische Verteilung von Dialektmerkmalen sichtbar wie nie zuvor. Die Dialektsammlung nutzt diese Instrumente, um ein möglichst umfassendes Bild des aktuellen Sprachzustands zu bewahren.
Doch die eigentliche Arbeit bleibt menschlich: das Gespräch mit der älteren Bäuerin im Oberwallis, die Begriffe für landwirtschaftliche Tätigkeiten kennt, die kein Wörterbuch mehr verzeichnet; die Aufnahme des Schwyzer Handwerkers, dessen Fachsprache eine eigene dialektale Überlieferung darstellt. Diese Stimmen zu sammeln, bevor sie verstummen – das ist und bleibt der Kern des Archivierungsauftrags.
Die digitale Kommunikation verändert unsere Mundarten – das ist unbestreitbar. Ob dieser Wandel als Verlust oder als Fortschreibung einer lebendigen Sprachgeschichte zu werten ist, hängt davon ab, wen man fragt. Was jedoch sicher ist: Wer die Dialekte von heute verstehen will, muss auch die Bildschirme von heute in seine Betrachtung einbeziehen.