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Sprachspuren in Pergament und Flur: Die historischen Quellen unserer Mundarten

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Sprachspuren in Pergament und Flur: Die historischen Quellen unserer Mundarten

Wer heute Schweizerdeutsch spricht, tut dies auf den Schultern von Generationen. Jeder Laut, jede Wendung, jedes eigenartige Wort hat eine Geschichte, die oft Jahrhunderte zurückreicht. Doch wie lässt sich diese Geschichte rekonstruieren? Wie erforscht man eine Sprache, die lange vor der Zeit der Tonaufnahmen gesprochen wurde?

Die Antwort liegt in Archiven, auf Bergwiesen und in alten Liederbüchern.

Urkunden als sprachliche Zeitkapseln

Die ältesten schriftlichen Zeugnisse des Schweizerdeutschen stammen aus dem Hochmittelalter. Klöster, Städte und Grundherren liessen ihre Rechtsgeschäfte seit dem 13. Jahrhundert zunehmend in der Volkssprache aufzeichnen – nicht mehr nur auf Latein. Diese Urkunden, heute in kantonalen Staatsarchiven und Klosterbibliotheken aufbewahrt, sind für die Sprachgeschichtsforschung von unschätzbarem Wert.

Dr. Claudia Wich-Reif von der Universität Bonn, die sich auf mittelhochdeutsche Urkundensprache spezialisiert hat, beschreibt das Potenzial dieser Quellen so: «Die Schreiber versuchten zwar, sich an überregionale Schreibtraditionen anzulehnen, doch immer wieder schimmern lokale Lautgewohnheiten durch. Genau diese Abweichungen sind für uns die wertvollsten Stellen.»

So lassen sich in Zürcher Urkunden des 14. Jahrhunderts bereits Vokalqualitäten nachweisen, die dem heutigen Zürichdeutschen ähneln. Berner Dokumente zeigen andere Merkmale – ein früher Beleg dafür, dass die dialektalen Unterschiede, die wir heute kennen, keine moderne Erscheinung sind, sondern tiefe historische Wurzeln haben.

Flurnamen: Die stummen Zeugen der Vergangenheit

Noch älter als viele Urkunden sind die Flurnamen: die Bezeichnungen für Wiesen, Wälder, Bäche und Hügel, die von Generation zu Generation mündlich weitergegeben wurden, bevor sie irgendwann in Kataster und Grundbücher eingetragen wurden. Flurnamen sind sprachliche Fossilien – sie bewahren Wörter, die aus dem lebendigen Sprachgebrauch längst verschwunden sind.

Ein eindrückliches Beispiel ist das Wort «Acher» (von mittelhochdeutsch «acker»), das in Flurnamen zahlreicher Deutschschweizer Gemeinden vorkommt, im alltäglichen Dialekt aber kaum noch verwendet wird. Ähnlich verhält es sich mit Bezeichnungen wie «Rüti» (gerodetes Land) oder «Bühl» (Hügel), die zwar als Ortsnamen fortleben, als Appellativa aber weitgehend in Vergessenheit geraten sind.

Das Projekt «Namenbuch» der Schweizer Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) hat in den vergangenen Jahrzehnten systematisch Flurnamen aus allen Deutschschweizer Kantonen gesammelt und dokumentiert. Die Ergebnisse erlauben nicht nur Rückschlüsse auf die Sprachgeschichte, sondern auch auf die Siedlungsgeschichte und die landwirtschaftliche Nutzung der Landschaft.

Volkslieder und Mundartliteratur als Spracharchiv

Neben Urkunden und Flurnamen bilden überlieferte Volkslieder eine dritte wichtige Quellgattung für die historische Dialektforschung. Lieder wurden über Jahrhunderte mündlich tradiert, bevor sie im 18. und 19. Jahrhundert von Volkskundlern gesammelt und aufgezeichnet wurden. Dabei wurden häufig auch dialektale Eigenheiten festgehalten, die sonst nicht in die Schriftlichkeit gefunden hätten.

Die Sammlung von Johann Rudolf Wyss, der Anfang des 19. Jahrhunderts Berner Volkslieder zusammentrug, enthält zahlreiche Beispiele für Lautformen und Wörter, die heute im Berndeutschen nicht mehr gebräuchlich sind. Verglichen mit heutigen Aufnahmen des Berndeutschen lassen sich so sprachliche Veränderungen über einen Zeitraum von rund zwei Jahrhunderten nachzeichnen.

Ähnlich verhält es sich mit den frühen Mundartdichtern des 19. Jahrhunderts. Albert Bitzius (bekannt unter dem Pseudonym Jeremias Gotthelf) oder Johann Peter Hebel schrieben in einer Sprache, die bewusst auf den regionalen Dialekt Bezug nahm. Ihre Werke sind nicht nur literarische Dokumente, sondern auch sprachhistorische Quellen ersten Ranges.

Die Methoden der Dialekt-Archäologie

Wie gehen Forschende konkret vor, wenn sie aus diesen Quellen die Geschichte eines Dialekts rekonstruieren wollen? Die Methodik ist vielschichtig und erfordert die Zusammenarbeit von Linguistik, Archivwissenschaft, Volkskunde und bisweilen auch der Computerwissenschaft.

Ein zentrales Werkzeug ist die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft. Dabei werden sprachliche Formen aus verschiedenen Zeitperioden miteinander verglichen, um Lautveränderungen, Bedeutungsverschiebungen und grammatische Wandlungsprozesse zu identifizieren. Mithilfe bekannter Lautgesetze – regelmässiger Veränderungen, die ganze Lautklassen betreffen – lassen sich ältere Sprachzustände rekonstruieren.

Ergänzend dazu kommen heute digitale Methoden zum Einsatz. Historische Texte werden eingescannt, transkribiert und in Datenbanken gespeichert, die eine systematische Suche und Analyse ermöglichen. Das Schweizerische Idiotikon, das grosse Wörterbuch der Schweizer Mundarten, hat in den vergangenen Jahren intensiv daran gearbeitet, seine historischen Belegsammlungen digital zugänglich zu machen.

Was die Quellen uns lehren

Das Bild, das aus diesen verschiedenen Quellen entsteht, ist komplex und faszinierend zugleich. Es zeigt, dass die heutigen Schweizer Mundarten das Ergebnis eines langen, vielschichtigen Entwicklungsprozesses sind – beeinflusst von Migration, Handel, politischen Grenzen und geografischen Barrieren.

Es zeigt aber auch, dass Sprache nie still steht. Was heute als «typisch bernisch» oder «typisch zürcherisch» gilt, ist selbst das Produkt von Wandel. Und was heute als veraltet oder ausgestorben gilt, war einst lebendig und alltäglich.

Für die Dialektsammlung ist die Erforschung dieser historischen Schichten ein zentrales Anliegen. Denn nur wer die Vergangenheit einer Sprache kennt, kann verstehen, wohin sie sich bewegt – und was es bedeutet, wenn bestimmte Ausdrücke, Laute und Wendungen unwiederbringlich verloren gehen.

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