Sprachbrücken zwischen den Generationen: Was Grosseltern ihren Enkeln in der Mundart mitgeben
Wer als Kind regelmässig Zeit bei den Grosseltern verbracht hat, erinnert sich vielleicht noch an Wörter, die im Elternhaus nie fielen. Ausdrücke wie «Zmorge» für das Frühstück, «Güggel» für den Hahn oder ein bestimmtes Diminutivsuffix, das nur im Heimatdorf der Grossmutter verwendet wurde. Diese sprachlichen Mitbringsel aus der Kindheit sind keine Zufälle – sie sind das Ergebnis eines komplexen, über Jahrzehnte gewachsenen Sprachkontakts zwischen Generationen.
Für die Sprachwissenschaft ist dieser Prozess von erheblichem Interesse. Denn während Schule, Medien und das berufliche Umfeld die Sprache junger Menschen stark in Richtung überregionaler Normen lenken, bilden Grosseltern oft einen Gegenpol: Sie sind Trägerinnen und Träger älterer Sprachschichten, lokaler Ausdrucksweisen und dialektaler Eigenheiten, die andernorts bereits im Verschwinden begriffen sind.
Der stille Unterricht am Küchentisch
Sprachliche Weitergabe in Familien vollzieht sich selten bewusst. Niemand setzt sich hin und erklärt dem Enkel, wie man im Appenzellischen die Vokale dehnt oder warum im Berner Oberland der Plural anders gebildet wird als in der Stadt. Vielmehr geschieht diese Übertragung beiläufig – beim gemeinsamen Kochen, beim Spielen, beim Zuhören von Geschichten.
Die Soziolinguistik bezeichnet diesen Vorgang als «informellen Spracherwerb». Er unterscheidet sich grundlegend vom schulischen Lernen, weil er affektiv besetzt ist: Die Sprache der Grosseltern ist nicht nur ein Kommunikationsmittel, sondern auch ein emotionaler Ankerpunkt. Kinder verbinden bestimmte Wörter mit Geborgenheit, mit Wärme, mit dem Geruch von frisch gebackenem Brot. Diese emotionale Aufladung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sprachliche Elemente behalten und später – bewusst oder unbewusst – reproduziert werden.
In einer Befragung, die im Rahmen eines laufenden Forschungsprojekts an der Universität Bern durchgeführt wurde, gaben mehr als zwei Drittel der Teilnehmenden an, einzelne Dialektwörter oder Redewendungen zu kennen, die sie ausschliesslich von ihren Grosseltern übernommen hätten. Besonders häufig genannt wurden Ausdrücke aus den Bereichen Essen, Landwirtschaft und Hausarbeit – also Lebensbereiche, in denen der Kontakt zwischen Gross- und Kleinkindern traditionell besonders eng ist.
Wenn Dialekte innerhalb einer Familie auseinanderdriften
Nicht jede Familie bietet jedoch ideale Bedingungen für eine lebendige Dialektweitergabe. Entscheidend ist zunächst die geografische Nähe: Grosseltern, die im selben Dorf oder zumindest in derselben Region leben wie ihre Enkelkinder, haben naturgemäss mehr Einfluss auf deren Sprachentwicklung als solche, die weit entfernt wohnen und vielleicht nur einige Male im Jahr zu Besuch kommen.
Hinzu kommt die Frage der sprachlichen Haltung innerhalb der Familie. In Haushalten, in denen Mundart als Zeichen von Bildungsferne oder mangelnder Integrationsfähigkeit gilt, wird der Dialekt der Grosseltern oft aktiv unterdrückt. Eltern, die ihren Kindern eine möglichst überregionale Ausdrucksweise beibringen möchten, korrigieren mitunter Dialektformen, die das Kind von der Grossmutter übernommen hat. Dieser Korrekturprozess kann dazu führen, dass Kinder eine Art sprachliche Selbstzensur entwickeln: Sie verstehen den Grosselterndialekt, sprechen ihn aber nicht mehr aktiv.
Die Sprachwissenschaft nennt dieses Phänomen «rezeptive Zweisprachigkeit» – eine Kompetenz, die für das Verstehen ausreicht, aber keine produktive Weitergabe garantiert. Für die Bewahrung regionaler Dialekte ist dies eine ernüchternde Erkenntnis: Eine Sprache, die nur noch verstanden, aber nicht mehr gesprochen wird, steht am Beginn ihres Aussterbens.
Grosseltern als lebendige Archive
Aus archivischer Sicht – und das ist eine Perspektive, die der Dialektsammlung besonders am Herzen liegt – sind Grosseltern eine unersetzliche Ressource. Sie bewahren in ihrem aktiven Sprachgebrauch Formen, die in schriftlichen Quellen kaum dokumentiert sind: Sprichwörter, die nur mündlich tradiert wurden; Schimpfwörter, die in keinem Wörterbuch erscheinen; Lautverbindungen, die selbst erfahrene Dialektologen überraschen können.
Dieses lebendige Archiv ist jedoch vergänglich. Mit jeder Generation, die stirbt, ohne ihre Sprache aufgezeichnet zu haben, geht ein Stück sprachliches Erbe unwiederbringlich verloren. Umso wichtiger ist es, Familien zu ermutigen, Gespräche mit älteren Verwandten aufzuzeichnen – nicht als formelles Interview, sondern als natürliches Gespräch beim Abendessen, beim Spaziergang, beim gemeinsamen Kartenspielen.
Die Dialektsammlung hat in den vergangenen Jahren mehrere solcher Familiengespräche als Tonaufnahmen erhalten und ausgewertet. Was dabei auffällt: Die sprachliche Unmittelbarkeit dieser Alltagssituationen erzeugt Aufnahmen von einer Qualität, die selbst sorgfältig geplante Feldstudien selten erreichen. Wenn eine 84-jährige Grossmutter aus dem Toggenburg ihrer Enkelin erklärt, wie man Käse herstellt, und dabei mühelos zwischen Dialektformen wechselt, die Jahrhunderte alt sind, entsteht ein Dokument von unwiederbringlichem Wert.
Zwischen Bewahrung und Wandel: Ein natürlicher Prozess
Es wäre jedoch falsch, den intergenerationalen Sprachfluss ausschliesslich unter dem Gesichtspunkt der Bewahrung zu betrachten. Sprache ist kein Museum. Auch wenn Grosseltern ihren Enkeln dialektale Formen weitergeben, bedeutet das nicht, dass diese Formen unverändert übernommen werden. Kinder und Jugendliche passen sprachliche Inputs stets an ihr eigenes kommunikatives Umfeld an: Sie kombinieren Grosselternwörter mit schulsprachlichen Strukturen, mit Anglizismen aus sozialen Medien, mit dem Slang der Peer-Group.
Das Ergebnis sind hybride Sprachformen, die weder dem Dialekt der Grosseltern noch dem Standarddeutschen vollständig entsprechen. Für Puristen mag das beunruhigend klingen. Für Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler hingegen ist es ein faszinierendes Zeugnis der Lebendigkeit von Sprache: Dialekte sterben nicht einfach aus – sie verwandeln sich, passen sich an, nehmen Neues auf und geben Altes weiter, oft in veränderter Form.
Was bleibt – und was wir tun können
Die Frage, welche Dialektelemente die nächste Generation prägen werden, lässt sich nicht mit Sicherheit beantworten. Was die Forschung aber zeigt: Der persönliche Kontakt zwischen Generationen ist der entscheidende Faktor. Kinder, die regelmässig Zeit mit Grosseltern verbringen, entwickeln eine differenziertere dialektale Kompetenz als jene, die kaum Kontakt zu älteren Familienangehörigen haben.
Daraus ergibt sich eine Handlungsempfehlung, die so simpel wie wirkungsvoll ist: Familien sollten den generationenübergreifenden Austausch pflegen – nicht nur aus sprachlichen Gründen, sondern weil darin eine Form kultureller Kontinuität steckt, die weit über einzelne Wörter hinausgeht. Die Mundart der Grosseltern ist nicht nur ein linguistisches Phänomen. Sie ist ein Stück gelebter Geschichte.
Die Dialektsammlung lädt alle Leserinnen und Leser ein, Aufnahmen von Familiengesprächen einzureichen – als Beitrag zu einem kollektiven Gedächtnis, das wir gemeinsam bewahren.