Dialektsammlung All articles
Sprachwandel

Stille Zeugen vergangener Zeiten: Mundartausdrücke, die aus unserem Alltag verschwunden sind

Dialektsammlung
Stille Zeugen vergangener Zeiten: Mundartausdrücke, die aus unserem Alltag verschwunden sind

Sprache ist kein starres Gebilde. Sie atmet, wandelt sich, verliert Schichten und gewinnt neue hinzu. Wer heute mit älteren Verwandten spricht, bemerkt mitunter, wie bestimmte Ausdrücke wie ferne Melodien klingen – vertraut und doch fremd. Begriffe wie Füürzyg für das Feuerzeug, Tschopen für eine Art Jacke oder das bernische Giele für einen Jungen werden immer seltener gehört. Sie gehören einer Welt an, die sich mit atemberaubender Geschwindigkeit verändert hat.

Wenn Wörter sterben: Ein stiller Prozess

Linguisten sprechen von Lexikschwund oder, im Fachjargon, von lexikalischer Obsoleszenz. Gemeint ist das allmähliche Verschwinden von Wörtern aus dem aktiven Sprachgebrauch einer Gemeinschaft. Im Gegensatz zu einem dramatischen Sprachsterben, wie es ganze Sprachen betreffen kann, vollzieht sich dieser Prozess meist unbemerkt – über Generationen hinweg, Wort für Wort.

Bei Schweizer Dialekten ist dieses Phänomen besonders eindrücklich zu beobachten. Die regionale Vielfalt der Mundarten – vom Walliserdeutschen über das Zürichdeutsche bis hin zum Appenzellischen – hat über Jahrhunderte einen reichen Wortschatz hervorgebracht, der eng mit lokalen Lebensweisen, Handwerken und sozialen Strukturen verknüpft war. Sobald diese Lebensweisen verschwinden, verlieren auch die zugehörigen Wörter ihren Nährboden.

Beispiele aus verschiedenen Regionen der Schweiz

Ein Blick in die einzelnen Sprachregionen zeigt, wie vielgestaltig dieser Schwund ist:

Kanton Bern: Das Wort Brätti bezeichnete einst ein Holzbrett zum Waschen von Wäsche. Mit dem Einzug der Waschmaschine verschwand nicht nur das Gerät, sondern auch sein Name aus dem Alltag. Ähnliches gilt für Zinnober, das im Berndeutschen früher umgangssprachlich für Aufruhr oder Durcheinander stand – heute kennt es kaum noch jemand unter Dreissig.

Kanton Zürich: Im Zürichdeutschen findet sich das Wort Schnudere für eine laufende Nase, das ältere Generationen noch geläufig ist, jüngeren aber oft ein Lächeln der Verwirrung entlockt. Auch Mümpfeli, das ein kleines Gebäckstück beschrieb, wird nur noch vereinzelt verwendet.

Ostschweiz und Appenzell: Hier ist Tröibel für Weintrauben ein treffendes Beispiel. Das Wort lebt zwar in einigen Familien fort, ist aber im öffentlichen Sprachgebrauch weitgehend durch das hochdeutsch beeinflusste Trauben verdrängt worden.

Wallis: Das Walliserdeutsche, das ohnehin als besonders archaisch gilt, bewahrt noch manche Ausdrücke, die andernorts längst erloschen sind. Doch auch hier beobachten Dialektforscher, dass Begriffe aus dem Bereich der Landwirtschaft und des Weinbaus zusehends aus dem aktiven Wortschatz jüngerer Sprecher schwinden.

Was den Wortuntergang begünstigt

Mehrere Faktoren tragen dazu bei, dass Dialektvokabeln aus dem Sprachgebrauch verschwinden:

  1. Urbanisierung und Mobilität: Mit dem Zuzug in Städte und der erhöhten Mobilität treffen verschiedene Dialekte aufeinander. Dabei setzt sich oft der am weitesten verbreitete Ausdruck durch, während lokale Varianten zurückweichen.

  2. Medien und Standardsprache: Fernsehen, Radio und digitale Plattformen haben das Hochdeutsche und überregionale Ausdrücke in jeden Haushalt gebracht. Kinder wachsen heute mit einem Sprachinput auf, der weit über die eigene Gemeinde hinausgeht.

  3. Technologischer Wandel: Handwerke, Berufe und Alltagsgegenstände, die verschwinden, nehmen ihre Bezeichnungen mit sich. Ein Wort wie Schindelmacher für einen Dachdeckerhandwerker wird nicht mehr benötigt, wenn es den Beruf nicht mehr gibt.

  4. Sozialer Prestige: In bestimmten gesellschaftlichen Kontexten wird Mundart als weniger prestigeträchtig wahrgenommen. Gerade im Bildungswesen und in der Berufswelt orientieren sich viele Sprecherinnen und Sprecher stärker an der Standardsprache.

Digitale Archive als Gedächtnis der Sprache

Genau hier setzt die Arbeit von Projekten wie der Dialektsammlung an. Digitale Spracharchive ermöglichen es, Tonaufnahmen, Transkriptionen und Bedeutungserklärungen von Dialektwörtern systematisch zu erfassen und dauerhaft zugänglich zu machen. Was früher nur in handschriftlichen Glossaren oder im Gedächtnis älterer Sprecherinnen und Sprecher lebte, kann heute in durchsuchbaren Datenbanken gespeichert werden.

Das Schweizerdeutsche Wörterbuch, der sogenannte Idiotikon, ist ein herausragendes Beispiel für eine solche Bemühung. Seit dem 19. Jahrhundert sammeln Forscherinnen und Forscher darin Dialektwörter aus allen Regionen der Schweiz. Doch das Idiotikon ist nicht allein: Zahlreiche kantonale und regionale Projekte ergänzen dieses Bild, indem sie lokale Besonderheiten dokumentieren, die in einem gesamtschweizerischen Werk kaum Platz finden würden.

Die Digitalisierung eröffnet dabei neue Möglichkeiten. Audiodateien von Gewährspersonen – so nennt die Dialektologie Menschen, die als Träger einer bestimmten Mundart befragt werden – lassen sich heute mit Metadaten versehen, verknüpfen und für Forschende weltweit abrufbar machen. Ein Grossmutter aus dem Simmental, die ein längst vergessenes Wort für eine bestimmte Art von Schneefall kennt, kann so zur unersetzlichen Quelle für zukünftige Generationen werden.

Was wir verlieren – und was bleibt

Es wäre verfehlt, den Sprachwandel nur als Verlust zu betrachten. Sprache entwickelt sich, weil sich das Leben entwickelt. Neue Wörter entstehen, neue Ausdrucksweisen finden ihren Weg in den Alltag. Doch das Bewusstsein für das, was verloren geht, ist wichtig – nicht aus Nostalgie, sondern weil Sprache kulturelles Gedächtnis ist.

Jedes verschwundene Dialektwort trägt eine Welt in sich: eine bestimmte Art, die Dinge zu sehen, zu benennen, zu ordnen. Wenn das Berndeutsche Aabrächlete für das erste Morgenlicht nicht mehr verwendet wird, verschwindet nicht nur ein Laut – es verschwindet eine Art, den Morgen zu erleben.

Die Dialektsammlung versteht sich als Ort, an dem diese stillen Zeugen eine Stimme behalten. Wer Wörter kennt, die kaum noch jemand verwendet, ist eingeladen, sie beizutragen – als Aufnahme, als Notiz, als Erinnerung. Denn was einmal dokumentiert ist, kann nicht mehr ganz vergessen werden.

All Articles

Related Articles

Zwischen Emoji und Mundart: Was die digitale Kommunikation mit unseren Dialekten macht

Zwischen Emoji und Mundart: Was die digitale Kommunikation mit unseren Dialekten macht