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Lehnwörter ohne Zollamt: Was Grenzstädte über die heimliche Völkerverständigung der Mundarten verraten

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Lehnwörter ohne Zollamt: Was Grenzstädte über die heimliche Völkerverständigung der Mundarten verraten

Photo: Q8682, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Grenzen sind für Sprachen, was Deiche für das Meer sind: Sie halten den Blick auf Dauer nicht auf. Wer entlang der Linie von Basel über Schaffhausen bis Konstanz genau zuhört, entdeckt eine Mundart, die sich seit Jahrhunderten bei der Nachbarschaft bedient – höflich, unauffällig und ohne jede Erklärung.

Der Leihverkehr unter Sprachen

Die Linguistik spricht von Adstraten: Wörtern, die zwischen gleichzeitig gesprochenen Nachbarsprachen wandern, ohne dass eine Eroberung oder Vertreibung im Spiel wäre. Basel bietet dafür ein Lehrbuchbeispiel. Das alemannische Kontinuum kennt politisch eine Staatsgrenze, lautlich aber nur sanfte Übergänge. Wörter wie «Gipfeli» oder Redewendungen, die im badischen Grenzraum längst vertraut sind, zeigen, dass Sprachkontakt keine Pässe braucht.

Die Leihgebühr fällt dabei erstaunlich gering aus. Meist wird ein Wort phonetisch angepasst – das fremde «ei» wird zum einheimischen Diphthong, das harte Konsonantensystem geglättet – und danach ist es schlicht da. Niemand empfindet es mehr als Fremdwort. Das ist der elegante Diebstahl der Nachbarsprache: Sie hinterlässt keine Spur, ausser dem veränderten Wortschatz der Folgegeneration.

Konstanz als Sprachlabor

Besonders lehrreich ist die Region um Konstanz und Kreuzlingen. Hier leben Menschen, die auf dem Weg zur Arbeit zweimal pro Tag die Sprachgrenze überqueren – und deren Wortschatz entsprechend doppelt ausgestattet ist. Befragungen in Grenzgemeinden zeigen regelmässig, dass Anwohner oft nicht mehr sagen können, ob ein bestimmter Ausdruck «von ihrer» oder «von der anderen» Seite stammt. Die Grenze existiert im Kopf der Sprecher schlicht nicht als Sprachgrenze.

Für die Dialektforschung sind solche Zonen Gold wert. Sie zeigen den Sprachwandel im Rohzustand: nicht als abgeschlossene Entwicklung, sondern als laufende Verhandlung darüber, was man übernimmt und was man als «fremd» markiert. Denn genau hier liegt die Grenze der Übernahme – nicht in der Lautstruktur, sondern in der Selbstdeutung. Ein Wort wird nur dann Teil der Mundart, wenn sich der Sprecher nicht mehr als dessen Übersetzer fühlt.

Was die Entlehnungen über die Mentalität verraten

Interessant ist schliesslich, welche Wortfelder bevorzugt wandern. Es sind selten die abstrakten Begriffe der Verwaltung oder der Hochkultur. Es sind Wörter des Alltags: Speisen, Handwerk, Kindersprache, Flüche. Die Nachbarsprache wird dort entliehen, wo das Leben konkret ist – und wo man dem Gegenüber ohnehin begegnet.

Wer in Grenzregionen sammelt, sammelt deshalb auch Mentalitätsgeschichte. Die Bereitschaft, ein fremdes Wort aufzunehmen, zeugt von einer unaufgeregigen Form von Weltoffenheit: Man übernimmt nicht aus Unterwerfung, sondern aus Bequemlichkeit und Neugier. Der Grenzgänger, so zeigt es der Wortschatz, ist selten der zerrissene Mensch der Klischees – er ist vor allem ein begabter Mittler, der täglich zwischen zwei Lautwelten pendelt und dabei unaufhörlich übersetzt.

Für ein Archiv wie das unsrige heisst das: Gerade an den Rändern des Sprachraums, wo man am ehesten Vergessen befürchtet, entsteht das Lebendigste. Die Sammlung der Wörter an Grenzlinien ist daher keine nostalgische Rettungsarbeit, sondern die Dokumentation eines andauernden Austauschs – eines Diebstahls, der beiden Seiten nur nützt.

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