Fifty thousand Wörter, ein Land: Was die grosse Mundart-Sammelaktion über unser Sprachempfinden verrät
Photo: handschriftliche Zettel Sammlung Archiv Karteikarten, via www.projekt-mida.de
Als die Redaktion die Einsendungen öffnete, wusste niemand so recht, was zu erwarten war: Fünfzigtausend Zettel, Mails und Briefe, auf denen Schweizerinnen und Schweizer ihr liebstes Mundartwort notiert hatten. Was daraus wurde, war mehr als eine kuriose Liste – es war ein Selbstporträt der Sprachlandschaft Schweiz.
Ein Archiv aus dem Volk, für das Volk
Crowd-Archive dieser Art leben von einem einfachen Mechanismus: Wer ein Wort einschickt, macht es zum eigenen Besitztum. Genau darin liegt aber auch die wissenschaftliche Spannung. Die Einsendungen sind keine repräsentative Stichprobe, sondern ein Spiegel dessen, was Menschen an ihrem Dialekt lieben – und das ist eine andere Frage als die, welche Wörter tatsächlich am häufigsten gesprochen werden.
Die Dialektforschung spricht hier von einer selektiven Sammlung: Wer schreibt, wählt aus. Wer wählt, interpretiert. Und wer sein Lieblingswort erklärt, erzählt meist auch eine Geschichte – vom Grossvater, vom Heimatkilometer, vom ersten Schultag.
Die Auffälligsten unter den Einsendungen
Drei Muster zeichnen sich in vergleichbaren Sammelaktionen immer wieder ab:
- Emotionswörter dominieren. Diminutive wie Büebli oder Ausdrücke der Zuneigung werden weit häufiger genannt als Begriffe aus Handwerk oder Landwirtschaft.
- Abgrenzung wird mitgeschickt. Viele Einsendende betonen ausdrücklich, dass ihr Wort «nur bei uns» verstanden werde – das Wort als Heimatschein.
- Lautmalerei begeistert. Onomatopoetische Bildungen erfreuen sich besonderer Beliebtheit, weil sie sich gut erzählen lassen.
Methodische Fallstricke
Für die Forschung sind solche Sammlungen eine Fundgrube mit Vorbehalt. Städtische Bevölkerungen schicken häufiger ein als Bergregionen; ältere Einsenderinnen bevorzugen andere Wörter als Jugendliche; und wer ein Wort kennt, ist nicht dasselbe wie wer es gebraucht. Ohne begleitende Kontextangaben – Ort, Alter, Situation – bleibt vieles davon unbrauchbar. Die besten Archive verlangen deshalb von Anfang an Metadaten und dokumentieren auch die Erklärungen der Einsendenden, nicht nur die Wörter selbst.
Was am Ende übrig bleibt
Die grösste Erkenntnis der Aktion: Dialektwörter sind für ihre Sprecher nie nur Lautgebilde. Sie sind Verdichtungsorte von Erinnerung und Zugehörigkeit. Ein Archiv, das sie sammelt, bewahrt daher nicht bloss Lexik – es bewahrt die Geschichten, die Menschen über sich selbst erzählen, wenn sie über ihre Sprache sprechen.