Hören, lernen, nachsprechen: Wie Radio und Fernsehen die Schweizer Mundarten neu geformt haben
Photo: altes Röhrenradio 1950er Jahre Nostalgie, via www.picclickimg.com
Vor dem Rundfunk war Dialekt eine lokale Erfahrung: Wer in einem Walliser Bergdorf lebte, hörte im Alltag kaum ein Zürcher Idiom – und umgekehrt. Mit dem Aufkommen des Hörfunks änderte sich dies innerhalb weniger Jahre grundlegend. Erstmals in der Geschichte der Schweiz strahlten wenige Sender dieselben Stimmen in Millionenhäuser aus.
Das Radio als unbeabsichtigte Sprachschule
Interessanterweise wählten die Landes sender nicht das Hochdeutsche als Alltagssprache, sondern Mundart – ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber Deutschland und Österreich. Nachrichten, Hörspiele und Unterhaltungssendungen auf Dialekt machten das Schweizerdeutsche zum medialen Normalfall. Der Effekt war doppeldeutig: Einerseits wurde die Mundart aufgewertet und landesweit hörbar. Andererseits begannen die Sender, gewisse Varietäten häufiger einzusetzen als andere – oft die der Zentralregionen, die für ein breites Publikum «gut verständlich» schienen.
Standardisierung im Nebenprodukt
Sprachwissenschaftlich entstanden so schleichende Normierungen. Sprecher passten sich unbewusst an das an, was sie hörten: Regionale Eigenheiten, die im Radio nie vorkamen, galten bald als «schwer verständlich» und wurden im öffentlichen Kontext gemieden. Einzelne Aussprachen und Wendungen, die durch beliebte Sendungen prominent wurden, fanden Umwege in lokale Mundarten zurück – ein Prozess, den man heute als mediale Diffusion bezeichnet.
Das Fernsehen verschärft den Effekt
Mit dem Fernsehen ab den 1950er- und 60er-Jahren kam die visuelle Komponente hinzu: Dialekt wurde nicht nur gehört, sondern mit Gesichtern, Orten und Stereotypen verknüpft. Comedysendungen prägten Klischees – der Welsche, der Berndeutsche, der Ostschweizer –, die wiederum zurückwirkten auf das, was Menschen für «typisch» hielten.
Was davon übrig blieb
Heute, im Zeitalter der Podcasts und sozialen Medien, ist die Dialektvielfalt im Netz größer denn je – gerade weil sich niemand mehr an eine nationale Norm halten muss. Doch die Grundlage dafür legte das Radio der Nachkriegszeit: Es machte die Mundarten des Landes erstmals zu einem gemeinsamen, geteilten Erlebnis. Ein Archiv, das alte Hörfunkaufnahmen bewahrt, bewahrt daher auch den Moment, in dem die Schweiz zum ersten Mal sich selbst zuhörte.